Von unserer Mitarbeiterin Conny Stenzel-Zenner
Alsdorf. „Ich möchte meinen Schulabschluss schaffen.“ Mit fester Stimme sagt der 16-jährige Marcus, was für ihn bis vor vier Monaten noch nicht so sicher war. Denn Marcus war – während seine Freunde büffelten – zwei Schuljahre zur Unterrichtszeit durch Stolberg gezogen, hatte „irgendwie meine Zeit totgeschlagen, um nach Unterrichtsende nach Hause zu gehen, Mittag zu essen und mich mit meinen Freunden zu treffen“, erinnert sich der Jugendliche.
Stress habe er mit seinen Lehren gehabt, keinen Bock auf Schule eben, „aber immer wollte ich Rettungssanitäter werden“. Das Fatale: Nur mit einem Hauptschulabschluss kann Marcus diese Ausbildung beim Deutschen Roten Kreuz beginnen. Seit Januar trifft sich Marcus mit elf anderen schulmüden Haupt- und Sonderschülern im Alter zwischen 12 und 16 Jahren in den neuen Räumen von Motivia in der Otto-Wels-Straße 8, um mit Freude den Hauptschulabschluss der Klasse 9 zu erhalten. „In dem Projekt ‚Motivia‘, das in der Trägerschaft von In Via, Katholische Mädchensozialarbeit e.V. steht, können Jugendliche ihre Pflichtschulzeit absolvieren“, erklärte Martha Leisten, Geschäftsführerin von In Via, anlässlich der offiziellen Eröffnung der Projekträume. Die Jugendlichen kommen täglich, „um an erster Stelle Teamfähigkeit und soziale Kompetenz zu erlernen“, weiß Hildegard Kaufmann, Leiterin von „Motivia“, „denn es geht nicht nur um schulische Leistungen bei uns“. Seit sechs Jahren hat sie mit diesem Projekt Erfahrung, das 1998 in Aachen als Bundesmodell begonnen hatte. „Aufgrund der Nachfrage und nach intensiven Planungen in Kooperation mit den Jugendämtern im Kreis Aachen, dem Kreisschulamt und der Gemeinschafts-Hauptschule Lessingstraße konnte ‚Motivia‘ nun auch in Alsdorf installiert werden“, erklärte Martha Leisten.
Gründe für das Fernbleiben im Lehrbetrieb kennt Hildegard Kaufmann: „Neben individuellen persönlichen Problemen haben die Jugendlichen oftmals keine schulischen und beruflichen Zukunftsperspektiven, sie sehen nicht die Notwendigkeit einer Schulausbildung. Weil sie schlechte Noten bekamen, haben sie Angst vor schulischem Scheitern und mussten teilweise schon mehrmals eine Klasse wiederholen.“ Im großen Klassenverband können die Lehrer meist nicht auf die Schüler eingehen, weshalb ein Scheitern der Jugendlichen im Schulbetrieb fast zwangsläufig ist. „Meistens kümmern sich auch die Eltern nicht entsprechend um ihre Kinder“, sagt die Leiterin.
„Motivia“ fängt diese Kinder auf. Die Kernzeit ist von 8.30 bis 14 Uhr: Dann ist Unterricht und Mittagessen. Schulisch ist das Projekt der Lessingschule in Setterich angegliedert. Das bedeutet für die „Motivia“-Schüler: Sie sind bei der integrativen Hauptschule angemeldet, erhalten ihren Unterricht aber in Alsdorf. Zwei Lehrer kommen, um in den Fächern Deutsch, Mathe, Englisch, Erdkunde, Geschichte, Politik und Naturwissenschaften zu unterrichten. Zwei Sozialpädagogen gehen auf die Verhaltensweisen ein, „was gerade in den Schulen wegen Personalmangels und eines straffen Zeitplans der Lehrer nicht möglich ist“, meint Lehrerin Vera Theune. Sie sieht in ihrer Arbeit bei „Motivia“ eine Herausforderung: „Wir begeistern die Jugendlichen schon seit vier Monaten für Schule. Das ist toll.“ Deshalb führe sie viele Gespräche mit den Schülern, sie fördere den Einzelnen, gönne den Schülern auch Auszeiten.
Marcus will keine Auszeit mehr. „Ich strenge mich an, damit ich im Sommer 2006 meinen Abschluss in der Tasche habe“, sagt er. Dann möchte er zum Rettungssanitäter ausgebildet werden. „Es ist einfach wichtig, anderen Menschen zu helfen“, sagt Marcus. |