Artikel aus der AN vom Montag, 01.03.2004

 

«Hier geht keiner ohne Perspektive raus»

 Von unserer Redakteurin Margot Gasper
 


Aachen. Wer hier aufgenommen wird, der weiß, dass er eine letzte Chance bekommt. Im Projekt «Motivia» werden schulmüde Jugendliche unterrichtet und betreut. Einige der Mädchen und Jungen sind vorher bis zu zwei Jahre lang nicht zur Schule gegangen.

Seit 1998 läuft dieses Projekt der Schulsozialarbeit. Vier Jahre lang wurde es zunächst als Modellprojekt vom Bund gefördert. Seit Januar 2002 arbeiten «In Via» (Verband Katholischer Mädchensozialarbeit e.V.), das städtische Jugendamt und die Bischöfliche Marienschule zusammen.

An die 60 junge Aachener haben seit 1998 bei «Motivia» in der Richardstraße einen neuen Anlauf genommen. «Und hier geht keiner ohne eine Perspektive raus», sagt Lehrerin Hildegard Kaufmann, die das Projekt betreut. Zwölf Plätze für Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren gibt es bei «Motivia». «Und das ist eigentlich zu wenig», so Kaufmann. Allein mehr als zehn junge Leute stehen derzeit auf der Warteliste.

Antrag der CDU

Ein Antrag der Aachener CDU hat das Thema Schulschwänzer jüngst neu ins Bewusstsein gehoben. Man möge doch überlegen, so die Anregung der CDU, ob die städtischen Ordnungskräfte nicht Ausschau halten könnten nach Schwänzern, die zur Schulzeit durch die Stadt stromern.

«Jugendliche, die keinen Bock auf Schule haben und durch die Kaufhäuser ziehen, die erreicht man mit Elterngesprächen, mit Hilfe des Jugendamts, womöglich auch mit Bußgeldern», sagt Hildegard Kaufmann. Bei den Jugendlichen, die «Motivia» betreut, geht es dagegen um weit mehr als «null Bock». Hier werden junge Leute gefördert, die einen regelrechten Leidensweg hinter sich haben. «Die haben alle ihr Päckchen zu tragen», weiß die Projektleiterin.

Mehrere Gründe

Wie aber werden Jugendliche so schulmüde, dass sie sich auch mit Zwang nicht mehr hinschicken lassen? Meist kommen mehrere Gründe zusammen. Schulversagen spielt natürlich eine große Rolle, oft aber auch Gewalt in der Schule, Mobbing durch Mitschüler, Zoff mit bestimmten Lehrern. «Und die Situation in der Familie spielt häufig eine ganz große Rolle», erläutert Hildegard Kaufmann. Nicht selten sind Schulverweigerer auch bereits an mehreren Schulen gescheitert.

Bei Motivia arbeiten Jugendhilfe und Schule eng zusammen. «So kann von beiden Seiten das Optimale für die jungen Leute erreicht werden», sagt Hildegard Kaufmann.

Das städtische Jugendamt finanziert einen Großteil der Maßnahme über «Hilfen zur Erziehung». Sehr bewährt hat sich auch die Zusammenarbeit mit der Marienschule. Die Projektteilnehmer sind der Schule für Erziehungshilfe offiziell zugeordnet, sie werden von einer Lehrerin der Marienschule unterrichtet, und sie erhalten am Ende ihrer Schulzeit auch ein Abgangszeugnis der Schule.

Bis dahin müssen sie sich allerdings ordentlich ins Zeug legen. «Wer aufgenommen werden will, muss deutlich die Bereitschaft zeigen, es noch einmal zu versuchen», erläutert die Projektbetreuerin. «Diese Jugendlichen wissen, dass Motivia ihre letzte Chance ist. Wer hier landet, hat nicht mehr viele Möglichkeiten.»

Ganztagsbetreuung

Die Jungen und Mädchen werden ganztags betreut, sie erhalten individuellen Unterricht in Kleingruppen, sie werden sozialpädagogisch begleitet, sie erhalten Angebote in Hauswirtschaft, Freizeit- und Erlebnispädagogik. Es gibt Mädchen- und Jungengruppen und auch Berufsorientierung und Bewerbungstraining.

Der Tagesablauf ist strikt geregelt. «Kommt einer eine Viertelstunde zu spät, dann hängen wir schon am Telefon», berichtet Hildegard Kaufmann. Und notfalls werden die Schüler auch schon mal zu Hause abgeholt. Wer sich auch bei «Motivia» komplett verweigert, der fliegt raus.

Nur selten aber gibt einer der Schüler auf. Die meisten Jugendlichen verlassen das Projekt mit dem Ende ihrer Schulpflicht und einem Abgangszeugnis der neunten Klasse. Vor allem aber verlassen die jungen Leute «Motivia» mit einer Perspektive, betont Hildegard Kaufmann. Viele streben danach bei der VHS einen Schulabschluss an, manche werden in berufsbegleitende Maßnahmen vermittelt, manche finden auch einen Job.

Bald auch im Kreis?

«Was die Jugendlichen aus ihren Perspektiven machen, ist letztlich ihre Sache», sagt Hildegard Kaufmann. Zwar steht «Motivia» seinen Ehemaligen mit Rat und Tat zur Seite, «für eine intensive Nachbetreuung fehlen aber die Kapazitäten und auch das Geld», bedauert die Lehrerin.

Billig ist eine solche Schulsozialarbeit nicht gerade. «Aber die Investition in die Zukunft der jungen Leute lohnt sich», versichert Hildegard Kaufmann.

Das sehen offenbar auch andere so. Zunehmend melden sich Aachener Schulen mittlerweile bereits, wenn ein Schulschwänzer zum Schulverweigerer zu werden droht. Und es gibt auch schon ernsthaftes Interesse, das «Motivia»-Projekt auf den Kreis Aachen auszudehnen.